Von der Zettelwirtschaft zum Zettelkasten 3 Monaten ago

Es ist jeden Tag dasselbe Spiel. Ich arbeite mich Buch für Buch vor. Unzählige Post-Its zieren die Stapel von Papier, die sich ihren Weg vom Schreibtisch über den Fußboden bis auf den Nachtschrank bahnen. Schließlich werden die relevanten Textstellen zu einem Word-Dokument zusammengefasst – nach Themen sortiert, oder nach Autor, oder vielleicht auch beides – erst einmal alles festhalten.

Strukturiertes wissenschaftliches Arbeiten nennt man das. In der Theorie. Meine Praxis ist das, was auf den ersten Blick einer Bastelanleitung für einen Zauberwürfel gleicht: Ein 78-seitiges, bunt markiertes Textdokument – bestehend aus Zitaten, Notizen, Kommentaren, Quellenangaben. Nur der rote Faden ist längst zu einem mausgrauen Wollknäuel verblasst, das mein Gehirn bereits zu verstopfen begonnen hat.

Wer wie ich häufig das Gefühl hat, sich buchstäblich zu verzetteln, der sollte sich Niklas Luhmanns Zettelkastenmethode einmal genauer ansehen. Denn beim Erstellen umfangreicher wissenschaftlicher Hausarbeiten stehen hunderttausende Studierende täglich vor denselben Herausforderungen: Es gilt, die Flut an Informationen in strukturiertes Wissen zu zerlegen und dieses Stück für Stück zur eigenen Arbeit neu zusammenzufügen. Wie das berühmte Zettelkastensystem nach Niklas Luhmann funktioniert und warum die Methode die richtige Strategie für effektives wissenschaftliches Arbeiten ist, lest ihr hier.

Wissen outgesourct – Der Luhmannsche Zettelkasten

Seine Klassikerwerke zur Systemtheorie erschuf der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann auf der Grundlage seines Zettelkastens, den er über 40 Jahre lang fortlaufend und eigenhändig mit Notizen befüllte. Die Idee dahinter war ebenso simpel wie genial. Um seine Gedankengänge zu archivieren, schrieb er sie auf kleine Zettel – nicht größer als eine DIN A6 Karteikarte – und sortierte sie, thematisch geordnet, in einen hölzernen Kasten ein. Inhaltlich verwandte Zettel verknüpfte er über Kombinationen aus Zahlen und Buchstaben. Was nach Ablage klingt, war in Wahrheit eine Innovationswerkstatt. Denn obwohl der Zettelkasten ausschließlich aus Luhmanns eigenen Gedanken bestand, fand er darin immer wieder Neuartiges. Das Betrachten verwandter und nicht verwandter (jedenfalls auf den ersten Blick nicht verwandt geglaubter) Zettel im Zusammenhang brachte ihn stets auf neue Ideen, die er schließlich in seinen sozialwissenschaftlichen Theorien niederschrieb und weiterentwickelte.

„Das merke ich mir.“

Wie ich arbeiten viele Studenten immer wieder nach dem gleichen Schema. Wurde das Hausarbeitsthema erst einmal festgelegt, werden Suchmaschinen konsultiert und Bücher ausgeliehen. Eine Idee vom Thema bekommen ist das Ziel der ersten Etappe des Marathons, dessen Strecke im Vorfeld doch so übersichtlich erscheint: Recherche, Gliederung, Schreiben. Kurz gesagt: Suchen und Finden – das kann doch nicht so schwer sein. Tatsächlich wird in dieser ersten Zeit viel gefunden: Interessante Zitate, nützliche Belege, Beispiele und Überleitungen, spannende Diskussionsansätze und Kontrapositionen und jede Menge weitere Informationen, die im entferntesten Sinn das Thema treffen. Das Problem: Bevor auch nur ein eigenes Wort seinen Weg auf das (virtuelle) Papier schafft, ist die Hälfte der Ideen bereits im Nirvana abgetaucht. Aus „Das merke ich mir“ wird „Wo war denn eigentlich…?“. Dabei kann ein Luhmann nachempfundenes Zettelkastensystem längst Zeit und Mühe ersparen – und das, lange bevor das Chaos im Kopf beginnt.

Effektives wissenschaftliches Arbeiten mit dem digitalen Zettelkasten


Photo by Andrew Neel

Manchmal genügen kurze Notizzettel, die nach einem einheitlichen Muster erstellt, mit aussagekräftigen Schlagworten und Quellverweisen versehen und geordnet werden, um das eigene Gedächtnis zu entlasten. Ein hölzernes Kästchen ist dafür selbstverständlich nicht mehr vonnöten. Mithilfe digitaler Zettelkastenanwendungen lässt sich im Handumdrehen ein ganz eigener Zettelkasten erstellen. Die Suche nach archivierten Ideen anhand von selbst definierten Schlagworten funktioniert ohne Blättern in Papierhaufen und auch Kommentare lassen sich mühelos einfügen. Der Vorteil eines digitalen Zettelkastensystems gegenüber einer zusammenkopierten Word-Datei? Die digitalen Zettel bleiben einzeln einseh- und veränderbar, können jedoch auch beliebig verschoben und kombiniert werden. Auf diese Art und Weise ist ein digitaler Zettelkasten übersichtlich und hilft gleichermaßen dabei, Verbindungen zwischen Gedankengängen zu erkennen, die andernfalls in der Masse der Informationen verborgen blieben. Zudem sind digitale Zettelkästen von überall zugänglich und können entsprechend flexibel erweitert werden.

Der Zettelkasten als stetiger Wissensbegleiter

Es kann sinnvoll sein, bereits parallel zur Bearbeitung von Texten im Rahmen des Selbststudiums – und nicht erst mit Beginn eines konkreten Hausarbeiten-Projekts – mit der Pflege des persönlichen Zettelkastens zu beginnen. Auf diese Art und Weise entwickelt sich der Zettelkasten wahrhaftig zu einem ausgelagerten Gedächtnis, das kontinuierlich wächst und dessen Informationen für sämtliche zukünftige Projekte des wissenschaftlichen Arbeitens zur Verfügung stehen. Luhmann selbst hütete in seinem Zettelkasten rund 90.000 Zettel – und schaffte auf dieser Basis seine bedeutende, international angesehene Sozial- und Gesellschaftstheorie.

 

Header Photo by Dương Trần Quốc

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